Read Die Belasteten: ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte by Götz Aly Online

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Heute ist von den erwachsenen Deutschen jeder achte direkt mit einem Menschen verwandt, der zwischen 1940 und 1945 ermordet wurde, weil er psychisch krank oder behindert war Die damals Beteiligten besch nigten das Verbrechen als Erl sung, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Euthanasie oder Sterbehilfe.Nicht wenige Angeh rige f hlten sich nach dem stillen, halb geheimen Verschwinden ihrer hilfsbed rftigen N chsten erleichtert der Staat hatte eine Lebenslast, eine schwere Sorge von ihnen genommen Die meisten Familien schwiegen hernach viele sch mten sich, die Namen der Opfer zu nennen Erst heute, nach bald 70 Jahren, l st sich der Bann Langsam tauchen jene Vergessenen wieder auf, die sterben mussten, weil sie als verr ckt, l stig oder peinlich galten, weil sie unnormal, chronisch krank, gemeingef hrlich, arbeitsunf hig oder pflegebed rftig waren, weil sie ihre Familie mit dem Makel erbkrank belasteten.G tz Aly beschreibt, wie die Euthanasiemorde in der Mitte der deutschen Gesellschaft als ffentlich bekanntes Geheimnis von statten gingen Er l sst die Opfer sprechen, zeigt, wie sich die Anverwandten verhielten und wie rzte das T ten in den therapeutischen Alltag bernahmen und zugleich reformerische Ziele verfolgten....

Title : Die Belasteten: ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
Author :
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ISBN : 9783100004291
ISBN13 : 978-3100004291
Format Type : Hardcover
Language : Deutsch
Publisher : S FISCHER Auflage 2 7 M rz 2013
Number of Pages : 383 Pages
File Size : 798 KB
Status : Available For Download
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Die Belasteten: ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte Reviews

  • Christian M.
    2019-06-22 21:16

    Euthanasie - Ein schweres Thema, ein Thema, das quantitativ hinter der Ermordung der Juden natürlich zurückbleibt, dennoch ein wichtiges Thema, die Beseitigung lebensunwerten Lebens durch die Nazis. Eindrucksvoll, gut recherchiert und geschrieben zeigt Götz Aly die Hintergründe der Euthanasie, beleuchtet Täter wie Opfer, zieht Parallelen zur heutigen Medizin und verknüpft es mit seiner eigenen Biographie. Besser kann man Geschichtsschreibung für Nicht-Historiker kaum machen.

  • Cajonita
    2019-07-09 03:17

    Eins sehr gründliches Buch mit vielen - nie gehörten - Informationen.Es liest sich - trotz der Schwere des Themas - spannend wie ein Roman.Alle Gründe für die Euthanasie, die ich bisher annahm, lösten sich in Luft auf: Es hatte weniger rassiche als rein wirtschaftliche Gründe. Schockierend war, zu lesen, dass die Angehörigen / oft Eltern die Menschen los werden wollten. Ich kenne das ganz anders von seit 1960 Betroffenen Eltern und Geschwistern. Wer nachgefragt hat, hat ganze einfach damit meist seine Angehörigen gerettet, weil das Regime Angst (!!) vor solchen Leuten hatte.Unbedingte Kauf- und Leseempfehlung für alle Menschen, die in Deutschland leben.

  • Wilhelmine
    2019-06-25 22:06

    Ausgezeichnetes Buch. Ich habe viel Neues darüber erfahren, wie im Nationalsozialismus mit Behinderten umgegangen wurde. Ein Onkel und eine Tante von mir sind im Rahmen der Euthanasie umgekommen. 5 Sterne.

  • Wilfried HÄMMERLE
    2019-07-07 23:17

    Es fällt einem schwer, in einem Buch von Anfang bis Ende nur über geschehene Grausamkeiten zu lesen. Es ist aber notwendig, um die damals lebenden Menschen mit ihren Ängsten und Nöten besser zu verstehen.

  • Maria Goretti
    2019-06-30 22:24

    Sehr erschütternd die Tatsachen und daher nicht in einem Zug lesbar, weil man sich erst erholen muß von den grausamen Tatsachen, die das Buch enthüllt

  • W. Endlein
    2019-07-17 23:23

    sehr informativ - es werden geschehnisse aufgezeigt, von denen selbst der Historiker in mir keine Ahnung hatte.Das sollten etliche aus der rechten Szene lesen.

  • Gospelsinger
    2019-07-16 04:20

    In jeder 8. Familie ist zwischen 1939 und 1945 ein Familienmitglied der Euthanasie zum Opfer gefallen, aber keiner spricht darüber. Keiner spricht über die 200 000 Opfer, denen die Menschenwürde abgesprochen wurde, die zu anonymen Unpersonen gemacht wurden, die als „geistig tot“ bezeichnet wurden, obwohl sie unverwechselbare Persönlichkeiten waren.Götz Aly will mit diesem Buch den Kranken ihre Würde zurückgeben. Dabei agiert er nicht nur als Historiker, sondern auch als Vater. Das Buch ist seiner Tochter Karline gewidmet, die kurz nach ihrer Geburt an einer Streptokokkeninfektion erkrankte und einen schweren zerebralen Schaden erlitt.Dass man sich nicht einreden lassen solle, es sei einfach, mit psychisch Kranken zusammen zu leben, zieht sich durch das Buch und ist auch Bestandteil des Buchtitels. „Die Belasteten“ sind nicht nur die Täter, sondern auch die Angehörigen. Die simple Schablone „gewissenlose Naziärzte – belogene Angehörige“ funktioniert nicht, so Aly.Denn die Angehörigen wussten in der Regel sehr gut, was hinter den ihnen von den Ärzten angebotenen „riskanten Therapien, die in 90% der Fälle zum Tod führen“ steckte und nahmen diese Möglichkeit, ihr Gewissen zu beruhigen, dankbar an. Der Tod wurde als Wohltat für das Kind gesehen, aber man wollte nicht die Verantwortung dafür übernehmen.Auf der anderen Seite konnten behinderte Kinder durch das Engagement ihrer Eltern gerettet werden. Häufige Besuche und der Wunsch, das Kind zu sich nach Hause zu holen, waren ein effektiver Schutz gegen die Ermordung. Leider brachten nur wenige Angehörige diese Stärke auf.Man solle jedoch nicht „den Stab über jemanden brechen, der in der NS-Zeit schwach war“, sagte Aly auf der Buchvorstellung in Berlin, denn ein Kranker gefährdete eben auch die Familienexistenz.„Doch sollten wir Heutigen uns nicht leichtfertig über die Eltern, Geschwister und Gatten erheben, die damals wankten. Sie lebten unter sehr viel schwierigeren Umständen. Anders als heute bestand, etwa im Fall der Geburt eines behinderten Kindes, keine Aussicht auf großzügige staatliche Hilfen, sondern die reale Bedrohung, dass die gesamte Familie als erblich belastet eingestuft und dauerhaft um ihre Zukunftschancen gebracht werden würde.“So wurde beispielsweise für behinderte Kinder kein Kindergeld gezahlt, und der Familie wurde auch das Kindergeld für die anderen Kinder entzogen.Götz Aly zeigt auf, wie die breite Akzeptanz der überhaupt nicht im Geheimen durchgeführten Euthanasiemorde in der Bevölkerung erreicht wurde und beschreibt, wie die Morde organisiert wurden.Den Einstieg bildete die Sterbehilfe, unter deren Befürwortern gerade auch diejenigen waren, die sich politisch gegen die Todesstrafe und das Abtreibungsverbot engagierten und für Frauenrechte, Scheidung und das Recht auf Suizid eintraten. Ebenso waren auch einige der beteiligten Ärzte gleichzeitig Reformer, die sich für die Einrichtung von sozialpsychiatrischen Diensten und Arbeitstherapie einsetzten. Hier zeigt sich die Ambivalenz des Fortschrittsgedankens.Daran schloss sich die Aktion T4 an, die von 1939 bis 1941 durchgeführt wurde, und der 70273 Menschen zum Opfer fielen.Interessant ist, dass hinter den Euthanasiemorden nicht erbhygienische Gründe standen, sonder rein utilitaristische Motive. Es ging um Kosteneinsparungen, um Einsparungen an Essen, Kleidung und Betten. Im Mittelpunkt stand immer die Frage, ob jemand für die Gesellschaft brauchbar ist oder nicht.Daneben gab es noch das wissenschaftliche Interesse an leicht zugänglichen Forschungsobjekten. Von den forschenden Wissenschaftlern wurden gezielt bestimmte Gehirne bestellt, wohl wissend, dass für die Ausführung dieser Bestellungen Morde begangen wurden. Vor der Ermordung wurden an den betroffenen Kindern noch umfangreiche schmerzhafte und gefährliche Tests durchgeführt. Es ist ein Skandal, dass diese Forschungsmethoden nach dem Krieg keine negativen Konsequenzen für die beteiligten Ärzte hatten, im Gegenteil.„Die mit Hilfe solcher Arbeiten erworbenen akademischen Titel sind von deutschen Universitäten niemals in Frage gestellt worden und in nicht wenigen Fällen erst nach dem 8. Mai 1945 verliehen worden.“Erst im Jahr 1990 (!) wurden die Präparate der ermordeten Kinder auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Die dazugehörigen Forschungsunterlagen waren bis dahin im Archiv zugänglich und wurden weiterhin genutzt.Im weiteren Verlauf des Krieges wurden die Krankenhäuser zunehmend für die Unterbringung von Flüchtlingen und Bombenopfern benötigt. Die dafür erforderlichen Plätze wurden durch Morde freigemacht. Den Schwestern auf den Stationen bot sich dadurch die Gelegenheit, unliebsame Patienten loszuwerden, Patienten, die ihre ästhetischen, moralischen oder sozialen Normen störten, weil sie „unruhig, nachts zuweilen störend, frech, querulant, zeitweise unfreundlich“ waren. Hier wurden keine eugenischen Zwecke verfolgt, keine Ideologien oder Rassenlehren bemüht, hier ging es lediglich um das Interesse der Arbeitnehmer an einem störungsfreien Arbeitstag.Die Euthanasiemorde wurden nach und nach auf weitere Gruppen ausgeweitet. Bombenopfer, die – verständlicherweise – mit Schock, Verwirrung und Schreckhaftigkeit reagierten, wurden ebenso eingewiesen und ermordet wie „Kriegshysteriker“, denen nicht geholfen werden konnte.Aus den Anstalten wurden Lager. Nun wurden auch vermehrt sozial Unangepasste aufgenommen und ermordet. Zwischen einer psychischen Erkrankung und einem sozial unangepassten Verhalten wurde kein Unterschied gemacht; soziale Gesichtspunkte wurden offiziell zu einer Indikation für ärztliche Morde, für die Vernichtung durch Zwangsarbeit.Im Sommer 1940 wurden Richtlinien erstellt, nach denen die Bevölkerung in vier Gruppen unterteilt wurde: „1. Asoziale Personen, 2. Tragbare Personen, 3. Die Gruppe der Durchschnittsbevölkerung, 4. Erbbiologisch besonders hochwertige Personen“.„Asoziale“ wurden von jeder materiellen Zuwendung ausgeschlossen. Was heute als „randständig, deviant, sozial unangepasst“ bezeichnet wird, wurde damals als gemeinschaftsfremd bezeichnet und mit psychopathisch gleichgesetzt. Aus einem soziologischen Begriff wurde eine psychiatrische Diagnose. Zu den „Asozialen“ gehörten auch Tuberkulosekranke. Von dieser Krankheit waren Arme aufgrund ihrer schlechten Lebensverhältnisse besonders betroffen. Die aufwändige und teure Therapie sparte man sich und vernichtete die Kranken durch Zwangsarbeit, Hunger und Nichtversorgung.Die Euthanasiemorde wurden offen in der Ärzteschaft diskutiert, es gab keine Geheimhaltung, die Morde gehörten zum normalen Stationsalltag.Die Angehörigen wussten Bescheid, die Bevölkerung wusste, was in den Anstalten vor sich ging – und die Patienten selbst?Die als „geistig tot“ Bezeichneten bekamen ganz genau mit, was mit ihnen geschah, und dass ihre einzige Schuld in ihrer Krankheit bestand. 80% von ihnen waren alphabetisiert, und Götz Aly lässt in den Kapiteln „Berichte aus dem Archipel Gaskammer“ und „Nachrichten aus den Sterbehäusern“ die Opfer selbst zu Wort kommen. In diesen bewegenden Dokumenten wird deutlich, dass hier keine „geistig toten“, sondern artikulationsfähige Menschen umgebracht wurden, die genau wussten, was ihnen bevorstand: „Kein Einziger kommt zurück“.Der reibungslose Ablauf der Euthanasiemorde hatte jedoch noch ganz andere Auswirkungen. Denn die Operation T4 diente auch dazu, die Akzeptanz der Bevölkerung für den Massenmord an Juden auszuloten. Wenn sogar Morde an Angehörigen akzeptiert wurden, dann erst recht die Morde an „Volksfremden“. Wie die Euthanasiemorde wurde auch die Vernichtung der Juden in mehreren Stadien durchgeführt, um die Akzeptanz durch die Bevölkerung zu testen. Inzwischen war bereits eine moralische Abstumpfung der Bevölkerung zu beobachten. Der Krieg hat die Gesellschaft fragmentiert und die Aufmerksamkeit auf das eigene Überleben gerichtet. Für Empathie und Einsatz für Andere war kein Raum mehr.Das material- und quellenreiche Buch ist kompetent und eindringlich geschrieben. Die Versuche, den Opfern ihre Namen zurückzugeben, scheitern allerdings am deutschen Datenschutz. Da bleibt nur die Halblegalität einer israelischen Website: [...]Götz Aly hat eine spitze Zunge, die dafür sorgt, dass die Lektüre trotz des ernsten Themas anregend und spannend ist.Gleichzeitig ging mir das Buch sehr zu Herzen, besonders weil ich an der Buchvorstellung in Berlin teil genommen habe. Die fand im gleichen Hörsaal der Charité statt, in dem auch der die Euthanasie befürwortende NS-Propagandafilm „Ich klage an“ gedreht wurde. Begleitet wurde die Veranstaltung von Ramba Zamba, einer Theatergruppe mit geistig Behinderten. Diese mit soviel Begeisterung und Herzblut spielenden, deklamierenden und singenden Menschen wären noch vor wenigen Jahrzehnten ermordet worden! Das machte die im Buch beschriebene technokratische Organisation von Euthanasiemorden sinnlich erfahrbar und berührte mich stark.Ich hoffe, dass dieses Buch für viele ein Anstoß ist, mal in der eigenen Familie nachzuforschen. Fehlt da ein Vorfahr?