Read Um-Care zum Leben: Ökonomische, theologische, ethische und ökologische Aspekte von Sorgearbeit by Waltraud Waidelich Online

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Bei der Suche nach einer lebensdienlichen, geschlechtergerechten Arbeits und Wirtschaftsweise steht die Reflexion des Begriffs Sorge oder Care im Zentrum Was geschieht in einer neoliberalen Erwerbswirtschaft mit der zentralen menschlichen Kategorie des Sorgens Die ethischen und theologischen Texte des Bandes beleuchten das Bild des Menschen und seine Verbundenheit mit anderen und der Natur als Beziehungs und Abh ngigkeitsgeschehen im Gegensatz zum Paradigma des autonomen Menschen, der ber die Natur herrscht Nur mit einer sorgenden Haltung kann die Um Care zum Leben gelingen....

Title : Um-Care zum Leben: Ökonomische, theologische, ethische und ökologische Aspekte von Sorgearbeit
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ISBN : 3899658361
ISBN13 : 978-3899658361
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : VSA Auflage 1 1 Juni 2018
Number of Pages : 128 Seiten
File Size : 669 KB
Status : Available For Download
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Um-Care zum Leben: Ökonomische, theologische, ethische und ökologische Aspekte von Sorgearbeit Reviews

  • Christine Ax
    2019-02-28 02:51

    Das Netzwerk vorsorgenden Wirtschaften entstand 1990. Am Rande einer Nachhaltigkeitskonferenz fanden sich kluge Frauen zusammen, um Wirtschaft aus einer sozialen und ökologischen Perspektive anders zu denken. Dieser Diskussionszusammenhang hat sich verstetigt und verschiedene Veröffentlichungen sind entstanden. Den Ökomonominnen und Sozialwissenschaftlern liegt vor allem eines am Herzen: Sie erarbeiten das theoretische Gerüst und Vorschläge für eine Gesellschaft, die den Aspekte des Sorgens- und Vorsorgens als Voraussetzung für jedes Wirtschaften anerkennt und Bedingungen herstellt, die lebensfördernd sind.Das in diesen Tagen erschienen Büchlein Um-care zum Leben, das Waltraud Waidelich und Margit Baumgarten herausgeben, fasst einige wichtige Ergebnisse und Diskussionsstränge zusammen, die von diesem Ökonominnen-Netzwerk verfolgt werden. Anlass für die Veröffentlichung ist der Beschluss der Frauensynodale der Evangelischen Nordkirche, die nach langjähriger Befassung mit dem Thema Care folgende Forderung formuliert hat: „Wer im Privaten versorgen und pflegen möchte, soll ebenso bezahlt und abgesichert sein, wie erwerbstätig Sorgende.“Da Buch enthält sechs Aufsätze und die Resolution der Nordkirche zur Sorgearbeit/Care. Den Einstieg macht die in Vechta lehrende Ökonomin Prof. Dr. Ulrike Knobloch, die sich mit den Schwächen der Mainstream Wirtschaftswissenschaft auseinandersetzt. Ihre Kritik: Seit der Industrialisierung wird unter Ökonomie nicht mehr die „Oikos-nomia“ im ursprüngliche Sinne meint, die Wissenschaft vom Haushalten mit knappen Gütern, sondern es geht um Chrematistik, um den Gelderwerb. Arbeit taucht in diesen Theorien nur als Ware auf und wenn sie bezahlt wird. Wo diese Menschen die arbeiten herkommen und wer sie unter welchen Bedingungen „produzier“ interessiert diese Wirtschaftstheorie genauso wenig, wie die Frage, wo die Natur herkommt, und wie sich Natur als Voraussetzung von Wirtschaften reproduziert. Für Knobloch ist es zentrale Aufgabe feministischer Ökonomik und Wirtschaftsethik, den Ökonomiebegriff weiter zu fassen. Knobloch bezieht sich unter anderem auf die von dem Schweizer Wirtschaftsethiker Ulrich vertretene integrative Wirtschaftsethik, die alle dem Wirtschaften zugrundeliegenden Werte explizit machen will. Sie stellt klar: „Sinn der Wirtschaft ist die Lebens-Dienlichkeit“ Es geht um das gute Leben, nicht nur einiger, sondern aller Menschen. (ax. Sagt auch Ruskin: nur Leben ist Reichtum, Leben in all Formen) Es geht um das gute Leben. Die Voraussetzungen dafür sind Versorgen, Fürsorgen, Vorsorgen. Knobloch schlägt vor Arbeit neu zu definieren. Der ökonomische Arbeitsbegriff, der bisher nur die bezahlte Arbeit (Erwerbsarbeit) meint – muss erweitert werden, um alle Tätigkeiten, die nicht zwingend von uns selber erledigt werden müssen, wie Schlafen, Sport treiben etc.). Denn all diese Tätigkeiten sind Voraussetzungen für die Entstehung unseres Sozialproduktes – tauchen bei der Berechnung aber nicht auf.Einen wichtigen Beitrag zur Diskussion der Frage, ob das private Sorgen (Kinder, Pflege) kommerzialisiert werden sollte oder ob es im Bereich des Privaten bleiben (bezahlt oder unbezahlt) sollte, leistet der Beitrag von Dr. Cornelia Heintze, Expertin im Bereich Vergleichende Wohlfahrtsforschung. Sie arbeitet zunächst die Unterschiede zwischen dem skandinavischen Wohlfahrtsbegriff und dem für Deutschland typischen Wohlstandsbegriff heraus. Ihr Anspruch: „Wir brauchen eine ökonomische Theorie, die die Bedeutung unbezahlter Arbeit für das Funktionieren der Marktwirtschaft anerkennt und sich der Frage stellt, wie sich die versorgungswirtschaftlichen Lücken schließen lassen, die dadurch entsteht, dass immer mehr Frauen erwerbswirtschaftlich tätig sind ohne dass Männer in versorgende Tätigkeiten hineinwachsen. Es geht Heintze nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sondern auch um ein Ausbalancieren bezahlter und unbezahlter Arbeit und um die Grundsatzfrage, wie die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten verteilt werden sollen und welche Tätigkeiten bezahlt oder unbezahlt geleistet werden sollen und vom wem.“In der Tat, erweist sich das skandinavische System als ein interessanter Referenzpunkt in dieser Debatte. Der Wohlfahrtstaat ist nämlich etwas, auf das die SchwedInnen z.B. nicht nur ganz besonders stolz sind, es ist, wie Umfragen belegen, eine Quelle des Glücks. Wohlfahrt wird in Skandinavien nicht als ein paternalistisches Konzept erstanden – das schlechtestes falls vorhandene Machtgefälle verstetigen kann. Das schwedische Verständnis von Wohlfahrt umfasst neben Gleichheit auch immaterielle Güter wie Glückt. Gleichheit wird nicht als ein Gegensatz von Freiheit verstanden, sondern als seine Voraussetzung. Dieses Wohlfahrtsverständnis korrespondiert mit dem Amrytia Sen und Martha Nussbaum erarbeiteten Capability-Approach, der auf die Anerkennung der Tatsache abzielt, das echte Freiheit und echte Gleichheit nur dann gelebt werden kann, wenn allen Menschen die materiellen Möglichkeiten gegeben werden, ihre Fähigkeiten zu entfalten (z.B. durch Bildung) und zu Leben (z.B. durch Zugang zu Gesundheitsgütern).Das Wohlstandsversprechen des Deutschen Sozialstaates unterscheidet sich davon deutlich. Der Sozialstaat fühlt sich nur für die sozial Schwachen zuständig. In dem sich daran anschließenden Systemvergleich der Bereiche Kinderbetreuung und Seniorenbetreuung (Pflege) zwischen Skandinavien und Deutschland wird deutlich, was dies für die konkrete Umsetzung bedeutet. In Skandinavien liegt die Verantwortung für beides bei den Kommunen vor Ort. Die Nähe zu den BürgerInnen führt zu einem System, in dem sich die Kommunen „von der Wiege bis zur Bahre“ für die Wohlfahrt ihrer BürgerInnen verantwortlich fühlen. Heintze: „Erziehung, Betreuung und Umsorgung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Skandinavien kennt daher auch keine Unterhaltverpflichtungen der Kinder gegenüber ihren Eltern.In Deutschland ist die Kinderbetreuung – wie in Skandinavien eine Aufgabe der Kommunen. Bei der Pflege hat sich Deutschland für eine Versicherungslösung entschieden und betreibt schon lange eine Art „Entstaatlichung“. Ziel der staatlichen Intervention ist die Herstellung eines Quasi-Marktes mit staatlich vorgegebenen Zielen, vor allem ein Ziel verfolgt: Kostenreduktion. Das zeitigt auch Ergebnisse: Die Pflegekosten liegen in Deutschland unter dem OECD Durchschnitt und in Skandinavien werden 2,5 x so viel Geld eingesetzt. Heintze stellt fest: „Vor allem im Pflegebereich zeigt sich, dass sich in Deutschland und Skandinavien die Privatisierung und die neoliberalen Strategien nicht bewähren. Dass sich Deutschland frühzeitig für Private Angebote entschieden hat und staatliches Handeln vor allem auf Kostensenkungen abzielt, führt zu miserablen Ergebnissen, einem schlechten Personalschlüssel und Qualitätsproblemen.“ Sie kritisiert, dass inzwischen die Konzerne, die sich in diesen sensiblen Markt einkaufen, zweistellige Rendite erwirtschaften.Das, so Heinze hat Folgen für die demografische Entwicklung, die in Skandinavien deutlich günstiger verläuft als in Deutschland. Immerhin liegt die Geburtenrate dort inzwischen bei 1,8 bis 1,9, also schon nahe an dem Faktor 2,1, bei dem der Alterungsprozess der Gesellschaft sich normalisiert.Der Beitrag von Gabriele Winker plädiert für eine „Care-Revolution“. Winkler kritisiert, dass die deutsche Familienpolitik Familien nur dann unterstützt, wenn es dem Wirtschaftswachstum zuträglich ist. Man möchte am liebsten, dass Frauen und Männer umfassend erwerbstätig sind und Frauen sich außerdem auch noch um die nächste Generation kümmern. Während gut verdienende Frau und Männer, sich aus diesem Dilemma freikaufen können – auf Kosten der Familien derer, die keine Wahl haben – sind vor allem Frauen mit niedrigem Einkommen, die Opfer dieser Realität. Sie sind in der Reproduktionsfalle und ein Kind zu haben bedeutet für sie lebenslange Armut und ein unerträglicher Spagat zwischen dem Wunsch die eigene Mütterlichkeit zu leben und ökonomisch zu überleben. Die Care-Revolution, die Winkler fordert, erfordert einen umfassenden Wandel, eine Transformation der Gesellschaft mit dem Ziel die Gesellschaft so zu gestalten, dass die menschlichen Bedürfnisse und nicht die Verwertungsinteressen des Kapitals oder Wachstumszwänge der Wirtschaft im Vordergrund stehen. Dies erfordert allerdings eine umfassende Umverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen: Einkommen, Arbeit und vor allem auch Muße, Zeit für die Familie und für die Sorge um das eigene Selbst.Mit dem Aufsatz Caring with nature/s unternehmen Daniela Gottschlich und Christine Katz den Versuch, die sehr theoretische Care-Debatte auf den Gegenstand der Natur anzuwenden. Sie fragen zu Recht, warum sich das Sorgen, der Anspruch auf ein gutes Leben, die Care-Ethik bisher nur auf den Menschen bezieht und nicht auch auf alle Lebewesen, die Natur. Sie weisen darauf hin, dass in der Care-Debatte Anfang der 90er Jahre die Natur und alle Lebewesen in die Betrachtungen und in die Theoriebildung einbezogen wurden und beschäftigen sich vor diesem Hintergrund mit Schlüsselbegriffen, wie Relationalität, Verletzlichkeit, Emotionalität u.a. Vor allem die Anerkennung der Tatsache, dass auch alle Nichtmenschen verletzlich sind, spricht ihrer Ansicht nach dafür, dass eine Gesellschaft nicht ihre (rein auf den Menschen bezogene) Care-Orientierung begründen müsse, sondern eine Abweichung von ihr. Dass nicht nur Menschen Emotionen haben und Beziehungen eingehen sondern auch nichtmenschliche Lebewesen ist für sie ein starkes Argument, die Care-Ethik umfassend für alle Lebewesen anzuwenden. Sie schließen ihre Betrachtungen mit der Erkenntnis, dass die Arbeit an einer Natur/en einschließenden Politischen Theorie von Care gerade erst begonnen habe.Was die durchaus wohlwollende Verfasserin dieser Buchbesprechung sehr bedauert und insoweit nicht wirklich nachvollziehen kann, als es seit den 80er Jahre eine umfassende wissenschaftliche Debatte um unser Naturverhältnis gibt und umfassende Begründungen für Eigenrechte der Natur vorliegen. Hier entsteht ein wenig der Eindruck, dass sich die CARE-Debatte in einer „Blase“ befindet, die zu verlassen allen Seiten gut tun würde.Christine Globig trägt zu dem 123 Seiten starken, gut geschriebenen und sehr lesefreundlichen Buch den Aufsatz „Care als Konzept der theologischen Ethik“ bei. Ihr Resümee: „Menschen kommen als hilflose Wesen auf die Welt, bleiben auch später auf die Unterstützung anderer angewiesen und kehren vor dem Tod oft wieder in einen sehr bedürftigen Zustand zurück“.Dass Care folglich keine Arbeit wie jede andere sein kann, darauf weist auch das Vorwort hin. „Care“ - so Herausgeberin Waltraud Waidelich (Frauenwerk der Nordkirche) – ist weit mehr: „Es ist die Grundlage und das „Schmiermittel“ für eine solidarische, mitmenschliche Gesellschaft ist und darf daher nicht der Verwertungslogik anheim gegeben werden.“ Und: „Care ist für uns keine Arbeit wie jede andere. Ein Krankenhaus ist eben keine Schraubenfabrik, und Menschen sind keine Maschinen. Der besondere ethische Charakter von Care darf nicht dazu führen, dass diejenigen die für andere sorgen, finanziell verarmen. Von Geburt an bis zum Tod sind Menschen aufeinander angewiesen und übernehmen füreinander Verantwortung. Diese menschliche Grundkonstante gilt es gesellschaftlich für alle lebensförderlich zu gestalten.“