Read Die Erfindung der Leistung by Nina Verheyen Online

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Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft Aber was meinen wir, wenn wir von Leistung sprechen Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Gre und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefhle dadurch verndert Warum definieren sich Menschen ber ihre Leistung oder ber das, was sie und andere dafr halten Anschaulich und erhellend beschreibt Nina Verheyen, wie sich das Verstndnis von Leistung gewandelt hat und erzhlt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prgt Sie pldiert fr eine historisch informierte und zugleich neue, sozialere Definition von Leistung, mit der sich berzeugend gegen Optimierungszwnge, Marktmechanismen und soziale Ungleichheit streiten lsst....

Title : Die Erfindung der Leistung
Author :
Rating :
ISBN : B077JLJFM7
ISBN13 : -
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : Hanser Berlin 19 Februar 2018
Number of Pages : 587 Pages
File Size : 593 KB
Status : Available For Download
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Die Erfindung der Leistung Reviews

  • Stefan Fritz
    2019-03-24 18:41

    Leistung ist sowohl ein Wertmaßstab, den andere in Form einer Leistungserwartung an uns anlegen, als auch etwas zutiefst Individuelles, das nur wir vor uns selber erbringen können. Nina Verheyen gibt uns einen strukturellen sowie einen zeitlichen Überblick über den Leistungsbegriff, der erstaunlich vielschichtig ist – angereichert mit kurzweiligen Geschichten.So ist der Leistungsdruck in der Schule schon vor 150 Jahren ein Thema gewesen, wobei zu dieser Zeit die Leistung eines Menschen noch von dessen Unterstützung und Mitwirken in der Gesellschaft geprägt war. Bereits damals war Leistung also eine Bewertung, die andere über uns trafen, vor über 100 Jahren ging es aber nicht so sehr um die individuelle Leistung, sondern eben um den Beitrag zur Gesellschaft.Von einem nicht unbedingt transparenten Werturteil haben wir Leistung dann immer weiter zu einer zählbaren und messbaren Größe gemacht: Über Schulnoten, Arbeitszeugnisse, Sportwettkämpfe, Auszeichnungen wie den Nobelpreis haben wir Leistung greifbar und zählbar gemacht.Und der Wertmaßstab, auf den alles hinausläuft, ist Geld als ultimativer Maßstab für ökonomische Leistung.Diese Entwicklung sollten wir nicht einseitig verteufeln, denn mit dieser Transparenz ist etwas verbunden, das wir als Gesellschaft heute anstreben und wertschätzen: Die Durchlässigkeit von Gesellschaft gegenüber Standesdenken und Handeln. Nur in einem transparenten Leistungssystem kann sich ein Individuum unabhängig von seinem sozialen Ursprung weiter entwickeln. Dieses Konzept nutzten schon die Kaiserdynastien in China, indem sie kaiserliche Beamte in den Provinzen über ein Prüfungssystem aussiebten. Damit gab es keine Möglichkeit, über den sozialen Stand direkt aufgenommen zu werden.Erzeugt also gesellschaftliche Transparenz Leistungsdruck? Oder bedeutet dieser Aspekt vor allem, dass jeder von uns, der über einen anderen urteilt, sich genau im Klaren darüber sein sollte, was in diesem Urteil für eine Verantwortung gegenüber dem Beurteilten und der Gesellschaft als Ganzes liegt. Urteile fällt jeder von uns, nicht nur als Lehrer oder Vorgesetzter, sondern auch als Taxi-Fahrgast in Form von Trinkgeld, als Kunde an der Kasse, oder in einem Ausschuss oder Verein bei der Abstimmung über Aktivitäten.In der physikalischen Welt ist Leistung gleich Arbeit pro Zeit, hat also direkt etwas mit Effizienz zu tun. Auch dieser Einfluss auf den Leistungsbegriff ist immer deutlicher zu spüren und zwar wenn wir einfach nur den Output von zwei Menschen miteinander vergleichen und diese absolute Zahl unabhängig von den Fähigkeiten einer Person zum Maßstab machen.Hier hat mir der Hinweis auf Menschen mit Handicap gefehlt. Sie haben von vorneherein andere Voraussetzungen, aber entweder beurteilen wir diese Menschen mit denselben Maßstäben beurteilen oder nehmen sie ganz aus jedem Vergleich heraus. Und das obwohl diese Menschen eigentlich eine individuelle Beurteilung ihrer Leistung wünschen und benötigen.Übrig bleibt die Frage, warum wir Leistung nicht mehr als etwas sehen, das von einem Team erreicht wird. Auch der Individualsportler oder der bekannte Autor kann auf ein Team im Hintergrund zurückgreifen und hat die Leistung nie ohne die Unterstützung anderer erreicht.Vielleicht müssen wir wieder mehr Vieldeutigkeit zulassen und den Begriff der Leistung aus dem Bereich des Zählbaren und Vergleichbaren herausziehen. Dann wird aus schulischer Leistung vielleicht wieder ein Streben nach Bildung; Bildung als Vervollkommnung eines unscharfen Ganzen, ohne Teilbereiche zu vernachlässigen. Und Arbeit wird vielleicht wieder zu etwas Unscharfem wie Ordnung, Fleiß oder Sparsamkeit – also Mittelmäßigkeit oder Maß halten.Die wenig positive Veränderung des Leistungsbegriffes hat wahrscheinlich mit unserer immer stärkeren Fokussierung auf das Individuum zu tun. Wir haben in unserer westlichen Kultur (anders als die Chinesen) das Individuum in den Mittelpunkt gestellt. Und dabei übertreiben wir an der einen oder anderen Stelle. Genau das spiegelt uns dieser Diskurs von Nina Verheyen über Leistung wider.

  • M. Lehmann-Pape
    2019-03-20 13:48

    Die Stichworte „Burn Out“ und „Arbeitszeitverdichtung“, in Verbindung mit „ständig zunehmender Geschwindigkeit der Prozesse der Arbeit“ (und des Lebens), sind keine „Modeworte“ von vor einigen Jahren, sondern zunehmend, noch stärker, noch deutlicher und ohne, dass ein Ende der Steigerung abzusehen wäre, Teil des täglichen Lebens.Dem zu Grunde liegt (und dass nicht nur, aber auch klar absehbar in abfälligen Bemerkungen sozial Schwächeren gegenüber diese als „faul“ titulierend), dass das „Prinzip Leistung“ herrscht. Seit ehedem, könnte man sagen. Wobei die intrensischen Motive vielleicht einem Wandel sich in Teilen unterziehen (nicht immer gilt für die Gegenwart noch „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“). Aber das Streben nach Reichtum, Macht, Einfluss, die Idee, dass aus „Leistung“ etwas an vorzeigbarem Erfolg wird (der um jeden Preis, anscheinend selbst von denen, die gar nicht mehr wohin wüssten mit ihren Ressourcen, verteidigt, am Besten noch gesteigert werden muss).Wie auch am Gegenteil zu sehen. Wenn Einfluss schwindet, man „abgesägt“ wird oder es einfach nicht mehr reicht, „mitzuhalten“. Nicht selten als persönliche Demütigung steht dies dann im Raum.Und auch wenn eine neue Generation von Teilnehmern am Arbeitsleben Worte wir „Work-Life-Balance“ nach vorne schieben, dass „Private“ höheren Stellenwert vor „Karriere“ hier und da erhält, auch das „muss man sich leisten können“, scheint es.Eine an Effizienz und Leistung orientierte Weltordnung, die in diametralem Gegensatz zu den Erkenntnissen und Haltungen jener Philosophen steht, auf denen aus der Antike heraus sich diese „moderne Welt“ durchaus mitbegründet hat.Müßiggang, auf keinen Fall körperlich arbeiten. Zeit, die Gedanken fließen zu lassen, dass waren damals die Werte, die bis heute in der Philosophie nachzulesen und nachzudenken sind. Was aber, eine nicht unerhebliche Einschränkung, nur dadurch möglich war, dass andere „Leistung“ erbrachten. Sklaven eben.Nina Verheyen nimmt in ihrem neuen Werk, bestens zu lesen, sich dieser Frage an. Wo kommt eigentlich unser „Leistungsdenken“ und diese fundamentale Bedeutung der „Leistung“ genau her. Warum ist es so, dass all, die nicht mithalten können, mehr und mehr als „faul“, als „Sozialschmarotzer“ angesehen werden, statt dass Mitleid und Solidarität in den Vordergrund treten?Und wie ist dieser schroffe Gegensatz im Literaturbetrieb zu erklären, wo auf der einen Seite tausende Ratgeber zur Gelassenheit, Selbstsorge, Achtsamkeit und „Kraft zur Muße“ sich die Regale redlich teilen mit ebenso vielen Ratgebern zur Selbstoptimierung, zur geplanten Karriere, zu allen möglichen Tipps und Tricks, die eigene „Leistung“ zu steigern?Und wie kann das sein, dass dieser Gedanke, durch Leistung wirklich ganz nach oben kommen zu können, so tief verankert ist? Wenn doch, statistisch gesehen, das System eben gar nicht „aus eigenen Kräften“ durchlässig ist und Ausnahmen diese Regel eher bestätigen, denn diese zu widerlegen?Herkunft, Ort, Familie, Hautfarbe, Bildungsmöglichkeiten, Erbschaften, Glück und Zufall, dass sind doch die eigentlichen Variablen für ein (zumindest materiell) „erfolgreiches Leben“. Wobei es daher ebenso eher eine Einbildung derer ist, „die es geschafft haben“, dies allein „eigener Leistung“ zurechnen zu wollen.Es lohnt sich daher, die Perspektive mit der Autorin zu wechseln.Nicht vordergründig auf „objektive“ Leistungen zu schauen, sondern auf „individuelles“ Leistungsvermögen und genau für dieses individuelle Vermögen Wertschätzung und gesellschaftliche Akzeptanz als gemeinsamen, gesellschaftlichen Weg in die Zukunft zu kreieren.Denn alle Prognosen der mittleren Zukunft, in denen nicht mehr genug an „leistungsorientierter“ Arbeit „für alle“ vorhanden sein wird, macht ein solches Umdenken der Werte in subjektive Relationen statt objektiv materiell vermeintlich messbaren Wert einer Leistung nötig.Was sich im Übrigen bereits aus der sehr fundierten, historischen Erläuterung der Entwicklung der „Leistung“ im Buch entfaltet.Der Mensch ist und bleibt eben „keine Maschine“ und besitzt vielfach mehr Nuancen, als sie „objektiv messbar“ vorliegen könnten. Womit einem Leistungsgedanken keine Absage erteilt wird, sich aber je persönlich die Frage stellt, wohin denn eine „Selbstoptimierung“ wirklich gehen sollte und könnte.